DIE EVOLUTION DES GEHIRNS
AUF DEM WEG ZUM GEHIRN
Wie könnte die Evolution ein derart unerhörtes Gebilde wie das menschliche Gehirn mit solch außergewöhnlichen Fähigkeiten hervorgebracht haben?!
Wir wollen drei gravierende Aspekte unter die Lupe nehmen: Zunächst geht es darum, ob und woher unter frühzeitlichen Bedingungen die Energie für ein großvolumiges Nervengewebe im Kopf bereitgestellt werden konnte. Danach prüfen wir die möglichen „Gründe“ für die Entwicklung eines komplexen Gehirnes. Welche Anforderungen könnten diesen Anpassungsschritt angeregt haben bzw. welche gravierenden Vorteile haben Lebewesen mit einem komplexen Gehirn? Zuletzt wollen wir uns ansehen, was ein Gehirn überhaupt ist und wie die vielfältigen mentalen bzw. psychischen Phänomene erzeugt werden können.
ASPEKT I:
EIN GEHIRN MUSS MAN SICH LEISTEN KÖNNEN
Für uns Industriestaaten- Bewohner hört es sich vielleicht seltsam an, wenn man im Zusammenhang mit dem Gehirn von Ökonomie und Energieverbrauch redet?! Wir kämpfen längst nicht mehr gegen den Hunger als vielmehr gegen unser Übergewicht.
Aber die Ernährungssituation unserer Vorfahren war eine völlig andere! Sie waren dazu gezwungen, sinnvoll mit dem Nötigsten umzugehen!
Ein komplexes Gehirn mit ausgereiften kognitiven Funktionen und einem Ich-Bewusstsein zu besitzen hat viele Vorteile, wie wir uns ja alle gut denken können. Auf dem evolutionären Weg zum Gehirn gab es aber schwere Hürden zu überwinden die auch und insbesondere mit der Frage der Energieversorgung zusammenhängen! Ein menschliches Hirn verbraucht nämlich sehr viel Energie und deren kontinuierliche Verfügbarkeit galt es unter den damaligen Bedingungen erst einmal sicher zu gewährleisten!
Vorweg möchte ich einräumen, dass die Frage nach dem Wie keinesfalls abschließend geklärt ist! Man weiß nur dass sich die notwendigen Bedingungen für die Evolution eines 1400 Gramm schweren, energiefressenden neuronalen Zellklumpens irgendwann auf irgendeine Weise eingestellt haben.
Auf einige überaus ernsthafte und erfolgversprechende Hypothesen zur Beantwortung dieser Frage werden wir auf dieser Seite zu sprechen kommen!
Wenn man verschiedene Säugetierarten mit Primaten (Affen) und Menschen miteinander vergleicht, so sticht in Bezug auf deren Gehirn folgendes ins Auge:
Affen haben ein für Säugetier-Verhältnisse ungewöhnlich großes Gehirn. Menschenaffen wiederum haben für die Verhältnisse von Affen ein ungewöhnlich großes Gehirn und Menschen schließlich haben gegenüber den Menschenaffen ein ungewöhnlich großes Gehirn!
Es existiert eine eindeutige Korrelation zwischen Hirngröße (Volumen) und Intelligenz, zumindest innerhalb von verwandten Arten! Verschiedene Vorläufer-Menschen (Hominiden) werden u.a. aufgrund ihres Hirnvolumens (ermittelbar indem man den Schädel mit Flüssigkeit ausfüllt) klassifiziert. Je mehr Kubikzentimeter Nervengewebe wohl in den betreffenden Kopf gepasst haben, umso höher sind die kognitiven Fähigkeiten des Subjektes gewesen!
Natürlich darf man die allgemein stimmige Masse/Leistungs-Korrelation nicht zu sehr auf die Spitze treiben, insbesondere wenn es um Vergleiche zwischen wenig verwandten Arten geht!
Die (neuronale) Verschaltungsarchitektur ist selbstverständlich ein ebenfalls überaus gewaltiger Faktor in Bezug auf die Leistung eines Gehirns! Deshalb sind auch Elefanten (mit 4,5 Kilo schweren Gehirnen) nicht intelligenter als wir und deshalb ist auch ein Mann mit einem durchschnittlich 1375 Gramm schweren Hirn nicht zwangsläufig intelligenter als eine Frau, deren Hirn auf durchschnittlich 1245 Gramm kommt!
Der Mensch stellt jedenfalls eine Besonderheit in Bezug auf seine Hirnentwicklung dar! Er ist das einzige Lebewesen, dessen Gehirn nach der Geburt noch wächst! Die Rede ist in diesem Fall nicht von lern- und erfahrungsbedingten neuronalen Umbau-Prozessen, sondern vom rein quantitativen Wachstum der Hirnmasse! Das sich entwickelnde Hirn benimmt sich so, als würde die Schwangerschaft deutlich über 20 Monate dauern!
Bedingt durch den aufrechten Gang des Menschen kann ein weibliches Becken aus statischen Gründen nicht noch breiter werden. Somit wird das Hirnwachstum erzwungener Weise aus dem Mutterleib nach außen verlegt.
Der daraus resultierende Nachteil ist jeder Mutter bestens vertraut: Sie hat nach der Entbindung ein vollständig hilfloses und unselbständiges Balg am Hals, das weder stehen noch gehen, ja nicht einmal aus eigener Kraft aufrecht sitzen kann!
Wenn man es ganz genau nimmt: Die „Abschlussarbeiten“ der Gehirnreife finden sogar erst im frühen Erwachsenenalter statt! Dann nämlich erst sind sämtliche Nervenfasern im Hirn „myelinisiert“, d.h. mit einer Isolierschicht namens „Myelin“ (das ist ein Protein) versehen, welche die maximale Nervenleitgeschwindigkeit zwischen räumlich distanzierten Hirnbereichen gewährleistet. Das mitunter fatale Verhalten und die emotionale Instabilität menschlicher Teenager werden u.a. mit dieser mangelhaften Isolierung der Nervenbahnen mit Myelin begründet! Die Verschaltungen passen zwar bei einem heutigen 14–17-jährigen Homo Sapiens so weit ganz gut, aber die Synchronisation verschiedener Rindenfelder der Großhirnrinde lässt eben noch etwas zu wünschen übrig!
Der Vorteil dieses extrem langwierigen Hirnreifeprozesses liegt in der enormen Plastizität (=Wandelbarkeit), welches das menschliche Hirn aufweist. Dieser Reifeprozess ist (bei Menschen) nämlich nicht nur eine innere Angelegenheit, sondern ein Wechselspiel zwischen Natur und Kultur. Wie kein anderes Lebewesen reagieren und interagieren wir auf bzw. mit den besonderen (familiären, kulturellen, gesellschaftlichen) Bedingungen innerhalb derer wir aufwachsen und von denen wir geprägt werden!
Die nachgeburtliche Hirnreifung ist aber nicht der einzige Aufwand, den die Evolution für die Entstehung des humanen Hirns geleistet hat!
Ein Gehirn ist -wie bereits angedeutet- unter energieökonomischen Aspekten der reinste Luxus!
Das Hirn eines Menschen wiegt nur 2% seines Körpergewichtes, verbraucht aber 20% der Energie! Ein Kilo Hirnmasse benötigt 11,2 Watt! Das übrige Körpergewebe benötigt pro Kilogramm nur 1,25 Watt!
Das Hirn eines Neugeborenen fordert gar 74% seiner Stoffwechselenergie!
Die Ursache hierfür liegt in der enormen Menge an Stoffwechselreaktionen im Hirn! Die Nervenzellen werden ständig mit Kaliumionen vollgepumpt, Natriumionen hingegen werden aus den Zellen heraus geschleust! Außerdem produziert das Hirn unentwegt Botenstoffe, sog. Neurotransmitter und Hormone!
Mit der Energiesituation eines wildlebenden Tieres oder der damaligen Vor-Menschen verhält es sich im Grunde vergleichbar wie mit der finanziellen Situation eines (normal oder sogar nur gering verdienenden) Jetzt- Menschen! Will er ein Haus kaufen, kann er sich kein großes Auto mehr leisten! Hat er hohe Mietkosten zu begleichen, darf er nicht zu oft in Urlaub fahren!
Auch an den Körpern unserer Vorfahren musste irgendwo gespart werden, damit auf der anderen Seite die nötige Energiemenge für ein Gehirn freigesetzt werden konnte!
An verschiedenen inneren Organen und an der Skelettmuskulatur sind Einsparungen nicht möglich- zumindest nicht in dem Umfang, dass der enorme Energiebedarf des Hirns damit ausgewogen werden könnte!
Eine Lösung aber gab es: Den Verdauungstrakt, genauer gesagt den Darm! Wenn man einen Durchschnittswert für Körpermasse, Hirnvolumen und Darmlänge aller Säugetiere ermittelt und diese Daten mit den Parametern des menschlichen Körpers vergleicht, dann kommt man zu folgendem erstaunlichen Ergebnis:
Der Darm des Menschen ist um 60% kleiner, sein Hirn dafür um 60% größer! Das Hirn scheint sich im Vergleich zu einem „gewöhnlichen“ Säugetier im Verhältnis 1:1 auf Kosten des Verdauungstraktes ausgedehnt zu haben!
Peter F. Weber/ Der domestizierte Affe/ Patmos Verlag GmbH & Co. KG
Der Verdauungstrakt ist am Rande bemerkt der zweitgrößte Energiefresser im Körper!
Nun sind aber Einsparungen am Verdauungstrakt auch nicht ganz unkritisch! Immerhin werden hier Nährstoffe aufgeschlüsselt und so umgewandelt, dass sie der Körper als Energie benutzen und/oder in eigenes Körpergewebe umwandeln kann!
Diese Einsparung kann nur gelungen sein, indem unsere Vorfahren eine sehr effektive Nahrungsbeschaffung praktiziert haben. Der menschliche Körper wurde darauf ausgerichtet, geballte Energieträger oder „Kalorienbomben“ zu verdauen!
Wir essen im Durchschnitt locker 3-mal am Tag. Dies mag zwar eher kulturellen Gründen als der biologischen Notwendigkeit geschuldet sein! Dennoch müssen wir tatsächlich viel regelmäßiger Nahrung aufnehmen, als es die meisten freilebenden Säugetiere, die keine Vegetarier sind, überhaupt könnten (allein schon weil ein derart konstanter Jagderfolg unrealistisch ist).
Eine Kuh bspw. kann aus gewöhnlichem Gras Energie und Nährstoffe gewinnen! Sie hat auch 3 Mägen und 20-30 Meter Darmlänge (der menschliche Darm ist mit durchschnittlich 4 bis 6,5 Metern Länge im direkten Vergleich hierzu sehr kurz)! Rein theoretisch könnte der menschliche Körper ebenfalls aus Gras Nährstoffe gewinnen – wenn er einen viel längeren und leistungsfähigeren Darm hätte!
Man weiß nicht sicher, welche Umstände es dem Vormenschen ermöglichten, beständig an energiereiche, konzentrierte Nahrung zu gelangen und dadurch eine erhebliche Darmlänge einzusparen!
Die allgemein etablierte Erklärung besagt, dass unsere Vorfahren sehr effektive Jäger waren, die tonnenweise Tierfleisch erbeuteten und täglich Steak aßen! Diese Erklärung hinkt aber in mehrerlei Hinsicht! Zum einen zeigen Beobachtungen an heutigen Naturvölkern, dass ein dauerhafter und kontinuierlicher Jagderfolg eigentlich gar nicht existiert! Üppige Fleischrationen sind eher die Ausnahme als die Regel! Gesammelte Früchte und ausgegrabene Wurzeln stellen bei diesen Menschen hingegen den größten Teil in der Gesamt-Ernährung dar! Die Beutetiere der Vormenschen waren überdies schnell, mitunter auch wehrhaft und in der sehr frühen Phase der Menschheitsentstehung waren die Hominiden auch bestimmt noch keine sehr schlauen Jäger, die ausgefeilte Strategien und Waffen benutzen! Ferner gab es keine Möglichkeit, erbeutetes Fleisch zu konservieren, d.h. der größte Teil eines erlegten Mammuts dürfte sinnlos vergammelt sein- wenn nicht zufällig 150 Leute gleichzeitig daran geknuspert haben. Man könnte hier noch auf weitere „Hinderungsgründe“ für eine beständige „Frischfleischquelle“ eingehen.
Stattdessen möchte ich eine sehr viel versprechende und zunehmend diskutierte Hypothese erwähnen, die Peter F. Weber in „Der domestizierte Affe“ präsentiert!
Diese Hypothese besagt, dass die Urmenschen in der Savanne Insekten verzehrt haben, die sie u.a. mit allergeringstem Aufwand und in erheblichen Mengen von Kadavern nehmen konnten, die in der afrikanischen Wildnis überall und allenthalben in der Gegend verwesen!
Ein kleines Rechenbeispiel gefällig?
100 Gramm afrikanische Termiten enthalten 610 Kilokalorien, 46 Gramm Fett und 38 Gramm Eiweiß! Ein Big Mac vom MC Donalds (wiegt etwa 220 Gramm) bringt es gerade auf 495 Kilokalorien, 25 Gramm Fett und 27 Gramm Eiweiß!
100 Gramm äthiopische Fliegenlarven haben 60 Gramm Eiweiß und 26 Gramm Fett. Das entspricht der Eiweißmenge von 3 Steaks!
Was macht diese Hypothese so brisant?! – Die Tatsache, dass Insekten aus genau jenen mehrfach ungesättigten Fettsäuren bestehen, aus denen auch das menschliche Hirn aufgebaut ist!
Und wie steht es mit dem Ekel-Faktor?!
Nun- vergammelndes Fleisch hat unter dem Gesichtspunkt der Ernährung keinen Nutzen für Menschen und war sicher auch für unsere Vorfahren uninteressant! Das sog. „Leichengift“ ist zudem sehr toxisch!
Wenn aber eine Made Substanz von totem Fleisch in sich aufgenommen hat, dann hat diese Substanz schon einen Umwandlungsprozess hinter sich! Die Larven produzieren ein Enzym das Eiweißstoffe in eine flüssige Brühe verwandelt, welche sie dann aufsaugen. Ferner müssen die Larven so gut wie steril sein, wenn sie sich verpuppen, um nicht selber von Mikroben zersetzt zu werden! Die Natur hat sie mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet! Maden sind regelrechte Mirkobenvernichtungsmaschinen, die antibakterielle Sekrete abgeben!
Falls jemand Zweifel hat, ob es genügend von den Dingern gegeben haben könnte:
Innerhalb eines Tages nach der Eiablage durch eine Fliege schlüpfen aus tausenden von Eiern 0,1 Milligramm leichte weiße Fressmaschinen, die binnen 5 Tagen zu fetten, 84 Gramm schweren Ekelpaketen heranwachsen. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sich auf einer einzigen toten Gazelle etwa gut 25 Kilogramm von ihnen tummeln!
Es sei dahingestellt, ob diese Hypothese den Nagel auf den Kopf trifft. Aber entweder auf diese oder auf eine andere Weise ist es unseren Vorfahren offensichtlich gelungen, das Ernährungsproblem nachhaltig zu lösen!
Vielleicht ist die Antwort auch einfacher:
Ein gravierender Unterschied zwischen Mensch und Affe besteht nämlich in der chemischen Zusammensetzung des Speichels. Unser Speichel ist in der Lage, Stärke aus Pflanzenknollen herauszulösen und so für die weiteren Verdauungsschritte in Magen und Darm verwertbar zu machen! Wenn Schimpansen oder allgemein Affen hingegen Erdknollen essen, scheiden sie den größten Teil der energiereichen Stärke wieder aus! Sie würden bei überwiegendem Verzehr von Knollen genauso verhungern, wie ein Mensch verhungern würde, dem ausschließlich Gras als Nahrung zur Verfügung stünde! Das dies nicht etwa am Gras, sondern tatsächlich am Verdauungstrakt liegt, ist klar! Sonst könnte ein 600 Kilogramm schwerer Ochse seine muskulöse Masse nicht aus Gras bilden!
Es mangelt also keinesfalls an möglichen natürlichen Ursachen, die den Startschuss für die Entstehung eines sehr viel Energie verbrauchenden Gehirnes auf Kosten von Darmlänge gesetzt haben könnten! Eine weitere denkbare Möglichkeit wird unter dem Kapitel „Der aufrechte Gang“ auf der Start-Seite dieser Homepage vorgestellt. Die ungewöhnlich großen Füße des Menschen könnten in einem ebenso beachtenswerten Zusammenhang zu seinem großen Hirn stehen, wie sein kurzer Darm!
ASPEKT II:
FÜR EIN GEHIRN MUSS EIN BEDARF BESTEHEN
Warum ist das menschliche Gehirn entstanden?! Eine salopp-überspitzte Antwort könnte lauten: Weil es Lebewesen gab, die es sich erstens leisten konnten (Energie-bzw. Ernährungssituation s.o.) und die es zweitens benötigt haben!
Welche Vorteile resultieren aus einem komplexen Gehirn mit einem Gedächtnis, einem Bewusstsein und diversen kognitiven Fähigkeiten?!
Bei Affen ist man auf folgenden Zusammenhang gestoßen: Je komplexer die Ernährungsgewohnheiten sind und je komplexer die sozialen Verflechtungen innerhalb der Gruppe sind, umso größer ist das Hirn und umso schlauer sind die Tiere! Das liegt auf der Hand: Ein Koala-Bär bspw. der tagein tagaus ausschließlich Eukalyptus-Blätter frisst braucht nicht viel Hirnschmalz! Ein Affe, der sich von verschiedenen Früchten ernährt muss hingegen wissen wo die verschiedenen Leckereien zu finden sind. Er muss aber auch wissen zu welchen Zeiten sie reif sind (damit er nicht umsonst den Weg auf sich nimmt) und muss ggf. auch abwägen können, welchen Weg er benutzt (Gefahrenvermeidung, Arbeitsaufwand). Er braucht also mentale Landkarten, wo er einige Fakten und räumliche Dispositionen speichern kann!
Für das Überleben in der Gruppe ist es erst recht wichtig, verschiedene Fakten zu einzelnen Mitgliedern speichern und deren Bedeutung richtig einschätzen zu können! Ein Schimpanse, der von einem Tag auf den anderen vergisst, wer gerade die favorisierten Kumpel oder Geschlechtspartnerinnen vom Chef sind, kann sich großen Ärger einhandeln!
Nachfolgendes Zitat von Kenneth Craik, Autor von „The Nature of Explanation“ vergegenwärtig uns die Vorteile eines Denkvermögens:
„Das Nervensystem ist … eine Rechenmaschine, die fähig ist, externe Ereignisse zu modellieren oder zu parallelisieren … Wenn der Organismus ein „maßstäblich verkleinertes Modell“ der externen Realität und seiner eigenen möglichen Handlungen im Kopf trägt, kann er verschiedene Alternativen ausprobieren, schließen, welches die beste ist, auf zukünftige Situationen reagieren, bevor sie auftreten, das Wissen vergangener Ereignisse nutzen, um mit zukünftigen fertig zu werden, und in jeder Hinsicht viel umfassender, sicherer und kompetenter auf unerwartete Ereignisse reagieren, denen er sich gegenübersieht.“
Kenneth Craik: „The Nature of Explanation“
Menschen können zukünftige Handlungsabläufe simulieren und den Unsinn im Kopf off-line, ausmerzen! Wir können unsere Hypothesen für uns stellvertretend in den Tod schicken!
Das entscheidende Kriterium welches „schlichte“ Verhaltensweisen von Lebewesen ohne ein Ich-Bewusstsein von typisch menschlichen Verhaltens- und Handlungsweisen unterscheidet, besteht in dem Umstand, dass wir „willentliche“ Entscheidungen treffen. Unentwegt fällen wir tagein, tagaus die unterschiedlichsten Entscheidungen bezüglich kurz-, mittel-, und langfristiger Handlungsoptionen.
Der populäre Hirnforscher und Buchautor Antonio Damasio unterscheidet mehrere sog.
NEUROLOGISCHE ENTSCHEIDUNGSAPPARATE
Der evolutionäre Hintergrund für die Entwicklung der Fähigkeit des Denkens dürfte seinen Ausführungen zufolge mit den damit verbundenen Vorteilen für das Treffen von Entscheidungen verbunden sein:
Man kann in Gedanken das Szenario einer zukünftigen Situation entwerfen, ehe sie real eintritt. Hierzu können gespeichertes Wissen und Erfahrungen abgerufen werden, so dass bei Eintreten der Situation ohne Zeitverlust eine (ausgedachte) Handlung ausgeführt werden kann.
Entscheidungen zu treffen, entspricht also einer wesentlichen Essenz unserer menschlichen Natur und fast ständig sind wir in der Situation Entscheidungen treffen zu müssen, ob es nun um berufliche oder private Dinge, um einen Autokauf oder nur um die Frage geht, ob ich 2 oder 3 Stück Zucker in den Kaffee geben soll!
Damasio definiert 3 verschiedene Ebenen von „Entscheidungsapparaten“:
– Der älteste ist für die fundamentale biologische Regulation zuständig.
Er betrifft die Belange um Nahrungsaufnahme, Unterschlupf, Schlafen, etc.
– Dann kommt der Apparat für den persönlichen sozialen Bereich.
Für das Überleben unserer hominiden Vorfahren war es nicht nur wichtig, allgemeine Informationen in einfache Kategorien einzuordnen (z.B. genießbar/ungenießbar; gefährliches Tier/ leicht zu erlegendes Tier, etc.). Um sich in der eigenen Gruppe und gegenüber Fremden zu behaupten, galt es auch, sich Meinungen über andere zu bilden: Soll ich mich bei Konflikten mit diesem oder jenem Gruppenmitglied verbünden? Wirkt ein Fremder gefährlich oder friedlich? Auch für unser heutiges soziales Überleben ist es wichtig, andere Menschen anhand gewisser Informationen- etwa auffälliger Verhaltensweisen- in geistige Schubladen zu stecken und das eigene Verhalten ihnen gegenüber zu modifizieren!
– Der „Jüngste“ neurologische Entscheidungsapparat ist für abstrakte symbolische Operationen, für wissenschaftliches Denken, Sprache, Mathematik etc. zuständig.
In diesen Strukturen entwirft man komplexere Repräsentationen in Form von Metaphern und Analogien, verwendet dabei (sprachliche) Symbole, setzt dieselben durch grammatische Begriffe in Bezug zueinander oder arbeitet mit Zahlen und mathematischen Formeln.
Nun haben wir sowohl etwas über die möglichen Bedingungen für die Entstehung eines komplexen Gehirns als auch über die aus einem solchen Gehirn resultierenden Vorteile erfahren!
Eine Kleinigkeit wurde bisher aber ausgespart:
WAS IST EIN GEHIRN ÜBERHAUPT?
DAS GEHIRN:
ALLGEMEINES ZU AUFBAU UND FUNKTION
Das Gehirn ist das komplexeste Organ im Körper. Seine ursprünglichste Aufgabe besteht darin, das Überleben seines Eigentümers zu gewährleisten!
Es steuert und reguliert alle Lebenserhaltungssysteme (Atmung, Herzschlag, Hormonhaushalt, Verdauung, etc.) und befähigt uns zu kognitiven Leistungen. Es bildet ein Gedächtnis, bringt Emotionen, Motive und Verhalten hervor und generiert insgesamt die noch weithin unverstandenen und mystisch anmutenden Phänomene des BEWUSSTSEINS und des SELBST (Identität).
Verantwortlich für all diese Vorgänge und Prozesse im Gehirn sind die NEURONE.
DAS NEURON
Unter den Neuronen versteht man die etwa 100 Milliarden Hirn-Nervenzellen. Ein einzelnes Neuron kann mit 1000 bis 100.000 anderen Neuronen verbunden sein. Insgesamt ergibt sich eine theoretisch denkbare Zahl von 40 Billionen verschiedenen Verschaltungsmustern!
Ein Neuron kann Impulse anderer Neurone empfangen. Hierfür hat es spezielle Fortsätze, die sog. „Dendriten“. Es kann ebenso eigene Impulse erzeugen und sie über einen weiteren Fortsatz, den sog. „Axon“, weiterleiten. Sowohl am Zellkörper als auch an den Dendriten knüpfen die Axone anderer Neurone an. Allerdings sind Neurone nicht unmittelbar physikalisch miteinander verbunden! Zwischen ihnen befinden sich sog. SYNAPSEN, die auch als „Synaptische Spalte“ oder „Synaptische Endköpfchen“ bezeichnet werden. Hierunter sind physische Verbindungslücken zu verstehen. Nur innerhalb eines Neurons wird der Impuls in rein elektrischer Form weitergeleitet. An den Synapsen werden die elektrischen Signale des Absender-Neurons in chemische Signale umgewandelt. Sog. NEUROTRANSMITTER – also Gehirnbotenstoffe- übernehmen diesen Teil der Reizübertragung. Im Empfänger-Neuron wiederum wird der chemische Impuls erneut in ein elektrisches Signal umgewandelt und weitergeleitet.
Ein gerade nicht aktives Neuron befindet sich im „Ruhezustand“. Wird ein genügend starker, die „Hemmschwelle“ des Neurons überschreitender Input von anderen Neuronen empfangen, so wird ein „Aktionspotential“ ausgelöst, d.h. das Neuron meldet sich nun seinerseits mit einem eigenen Signal zu Wort. Die „Hemmschwelle“ des Empfängerneurons bezeichnet also die erforderliche Stärke, die ein externer Input haben muss, um es zu aktivieren. Das Aktionspotential wiederum bezeichnet die Stärke der elektrischen Entladung, mit der das Neuron auf diesen Input reagieren kann, indem es seinerseits „feuert“. Wie gut oder stark die Signalübertragung zwischen Neuronen ist, hängt aber nicht allein von der Stärke der elektrischen Signale ab, sondern insbesondere von der Verbindungsstärke der Synapsen! Die Signalübertragung an einer Synapse kann gut oder weniger gut sein. Je häufiger miteinander verschaltete Neurone Signale austauschen, umso besser funktioniert die synaptische Übertragung! Sämtliche Lernprozesse beruhen auf dieser Tatsache! Neurone können sich nicht nur gegenseitig erregen, sie können sich auch hemmen und am Auslösen eines Aktionspotentials hindern. Diesbezüglich existieren im Hirn die verschiedensten Verschaltungs-Architekturen!
Neurone sind also Schaltelemente, die viele Eingangssignale in ein Ausgangssignal umwandeln.
MAKROSKOPISCHE HIRNSTRUKTUREN
Im Zentrum eines jeden Hirns (ob Mensch oder Tier) findet sich der Hirnstamm! Viele Tiere haben gar nicht wesentlich mehr als einen Hirnstamm vorzuweisen! Der Hirnstamm reguliert verschiedene Körper-Grundfunktionen wie Blutdruck, Atmung und Verdauungstätigkeit! Es lässt Hunger- und Sättigungsgefühl entstehen- und zwar infolge relativ „primitiver“ Rückkoppelungssysteme mit verschiedenen Körpersystemen.
Das Zwischenhirn- bestehend aus Thalamus, Hypothalamus, Hirnanhangdrüse und limbischem System- ist für anderweitige Funktionen zuständig.
Der Thalamus gilt als eine „Relaisstation“, als ein „Tor zum Bewusstsein“. Alle Umweltreize laufen hier durch und werden gefiltert. Der Hypothalamus ist die Kommandostelle für Hormone, Schlafbedürfnis und Körpertemperatur. Er misst, filtert, reguliert. Während sich der Thalamus also um Sinneseindrücke von außen kümmert, ist der Hypothalamus um die internen Geschehnisse im Körper bemüht. Er versucht alles auszugleichen: Er lässt uns Durst verspüren und unsere Muskeln vor Kälte zittern- damit sie Wärme erzeugen!
Das limbische System ist für Emotionen zuständig! Es geht hierbei nicht allein um Gefühle wie Liebe und Hass, sondern um eine triviale emotionale Bewertung aller eingehenden Informationen: Ist eine Situation/ein Ereignis gefährlich oder ungefährlich? Muss Alarm ausgelöst werden?
Auf Basis dieser Bewertung vegetieren 99,9% aller Tiere dahin! Sie leben im Hier und Jetzt, ihr Dasein beruht im Wesentlichen auf Fressen, Schlafen, Fortpflanzung und Kämpfen!
Die ganzen bisher genannten Systeme haben nicht nur wir Menschen, sondern auch die Tiere! Nicht nur anatomisch, sondern auch funktionell stimmen wir mit ihnen überein! Selbst die meisten Neurotransmitter (=Hirnbotenstoffe) die Menschen und Tiere aufweisen, sind identisch!
CORTEX
Was nun folgt haben nur Primaten und Menschen – einen Cortex, eine Großhirnrinde!
Alles, was Affen und Menschen können, alle anderen Tiere hingegen nicht, hat mit dem Cortex zu tun!
Und alles was ein Mensch kann, ein Affe hingegen nicht, hat mit dem präfrontalen Cortex- den (beiden) Stirnlappen- zu tun!
„Die tieferen Strukturen repräsentieren die Natur, der Cortex hebt den Menschen als Kulturwesen hervor!“
Peter F. Weber/ Der domestizierte Affe/ Patmos Verlag GmbH & Co. KG
Woher weiß man eigentlich, welche Gebiete der Großhirnrinde mit welchen Funktionen zusammenhängen?!
Diese Erkenntnisse resultieren aus mehreren Quellen: Zum einen verfügt man mittlerweile über sehr sensible Technologien, die es erlauben, die Stoffwechselvorgänge im lebenden Hirn (primär: Durchblutung und die damit verbundene Sauerstoffversorgung der Hirnzellen in verschiedenen Regionen) zu beobachten! Man steckt hierfür Probanden in einen sog. „Magnetresonanztomographen“ und konfrontiert sie mit verschiedenartigen kognitiven Aufgaben oder setzt sie emotionalen Reizen aus (etwa durch das Vorzeigen von schönen, ekligen, grausamen oder anderweitig erregenden Bildern). Regionen der Großhirnrinde, die während der Stimulation oder der Aufgabenlösung besonders stark durchblutet werden, sind hierin funktional verstärkt involviert!
Man beachte die Formulierung „involviert“! Es ist zwar richtig, dass es im Hirn verschiedene schwerpunktmäßige „Zuständigkeitszentren“ für verschiedene Aufgaben gibt (etwa das sog. „Wernicke-Areal“ und das „Broca-Areal“ für das Sprachverständnis bzw. die Sprachgenerierung). Das bedeutet aber nicht, dass man diese Regionen als funktional autonom betrachten darf! Sie hängen eben stärker mit einer bestimmten Funktion zusammen als andere Regionen! Insgesamt ist das Hirn aber nur als gesamte Einheit funktionsfähig! Ein Gehirn ist ein sog. „rückkoppelndes System“ indem unglaublich viele Dinge parallel passieren und sich dabei aber auch gegenseitig beeinflussen!
Die zweite Erkenntnisquelle über die Funktionen bestimmter Hirnregionen sind Tierversuche. In der Anfangszeit der experimentellen neurologischen Forschung wurden diese verstärkt praktiziert. Ich möchte das hier nicht weiter (ethisch- moralisch) bewerten, sondern nur sachlich darstellen! Man hat bspw. Affen Elektroden ins Hirn gepflanzt, bestimmte Hirnteile entfernt oder zumindest lokale Schaltkreise physikalisch unterbrochen, um bspw. zu sehen, wie sich der betreffende lokale Eingriff auf die Bewältigung einer vorher trainierten Aufgabe auswirkt! Man darf davon ausgehen, dass unnötiges Elend bei den Experimenten weitestgehend vermieden wurde! Die operativen Eingriffe zwecks Implantation von Elektroden oder Herbeiführung von Läsionen wurden unter Narkose durchgeführt. Die Verletzungen im Hirngewebe selbst sind nicht schmerzhaft. Ansonsten würden auch menschliche Schlaganfall-Patienten vor Schmerzen brüllen, anstatt „nur“ unter ihren diversen Ausfallerscheinungen zu leiden. Gehirnoperationen bei Menschen müssen oftmals sogar bei vollem Bewusstsein des Patienten ausgeführt werden, weil in vielen Fällen dessen aktive Mitarbeit erforderlich ist. Es kann sein, dass der Patient während des Eingriffes Angaben über irgendwelche Wahrnehmungen machen muss. Dies könnte man wohl kaum von einem Menschen erwarten, der während des Eingriffes Höllenqualen erduldet! Wie gesagt: Das neuronale Gewebe selbst ist nicht schmerzempfindlich!
Als dritte Informationsquelle für Zusammenhänge zwischen anatomischen Hirnbereichen und mentalen Funktionen sind menschliche Unfallopfer mit verschiedenartigen Hirnverletzungen an mehr oder weniger konkret eingrenzbaren anatomischen Bereichen zu erwähnen. Dank der modernen und immer effektiveren Unfallchirurgie überleben Menschen heutzutage mitunter auch sehr schwere Kopfverletzungen. Ob das für die betreffenden Leute in jedem Fall ein Vorteil ist, sei dahingestellt. Für die Wissenschaft aber sind diese menschlichen Katastrophen manchmal in bestimmter Hinsicht „Glücksfälle“.
Weitere Erkenntnisse über das Hirn und seine Funktionen werden zwischenzeitlich auch aus computersimulierten künstlichen Neuralnetzwerken gewonnen. In solchen Netzwerken wird die neuronale Informationsverarbeitung mit künstlichen Neuronen simuliert, die – wie ihre biologischen Vorbilder- über unterschiedlich gut bzw. schlecht leitende Verbindungen untereinander verknüpft sind. Auch sie haben eine „Hemmschwelle“ (bezeichnet die erforderliche Stärke eines elektrischen Inputs, um eine Reaktion auszulösen), und ein „Aktionspotential“ (bezeichnet die Stärke an elektrischen Output, den ein einzelnes Neuron erzeugen kann). Die Verbindungsstärken zwischen den einzelnen virtuellen Neuronen sind ebenfalls plastisch, d.h. veränderlich. Die Informationsverarbeitung innerhalb solcher Netzwerke erfolgt nicht nach starren (programmierten) Regeln! Vielmehr wird ein Netzwerk anhand von systematischem Input „trainiert“ und die Regeln der Verarbeitung entstehen von selbst innerhalb des Systems.
Hierzu gibt es am Rande bemerkt ein faszinierendes Buch vom populären deutschen Hirnforscher Manfred Spitzer:
Titel: Geist im Netz
Untertitel: Modelle für Lernen, Denken und Handeln
Autor: Manfred Spitzer
Wen künstliche Neuralnetzwerke interessieren, der sollte sich auch folgenden Tipp nicht entgehen lassen:
Titel: Menschliches Denken Künstliche Intelligenz
Untertitel: Von der Gehirnforschung zur nächsten Computer- Generation
Autor: William F. Allman